Prinz Eduard von Anhalt mit brisanten Aussagen:
Die Sowjets nahmen meinen Vater – Kohl entzog uns unser Erbe
In einem ausführlichen Interview mit den Journalisten Egemen Cantürk und Mustafa Ekşi spricht Prinz Eduard von Anhalt offen über die traumatischen Erfahrungen seiner Familie nach dem Zweiten Weltkrieg. Der heute als einer der letzten lebenden Vertreter des deutschen Hochadels geltende Prinz schildert die Verschleppung seines Vaters durch sowjetische Stellen, den Verlust umfangreicher Familiengüter in Ostdeutschland sowie seinen jahrzehntelangen juristischen Kampf nach der Wiedervereinigung.
Hausarrest im Harz und sowjetischer Zugriff: „Mein Vater blieb – und kam nie zurück“
Eduard von Anhalt verbrachte seine frühen Kindheitsjahre in Sachsen-Anhalt. In den letzten Kriegstagen zog sich die Familie in ihr Sommerschloss im Harz zurück. Amerikanische Truppen boten seinem Vater als ausgewiesenem Gegner des NS-Regimes die Ausreise in den Westen an. Dieser lehnte ab, im Vertrauen auf historische Beziehungen zu Russland. Kurz darauf übernahmen sowjetische und stalinistische deutsche Kader die Kontrolle.
„Wir verabschiedeten uns. Mein Vater legte meiner Mutter den Ehering in die Hand – danach verschwand er für immer“, erinnert sich von Anhalt.
Verschleppung im Herbst 1945: „Als Kinder auf einen sowjetischen Lkw gesetzt“
Während der Feierlichkeiten zum Jahrestag der Oktoberrevolution im November 1945 wurde die Familie nach Angaben des Prinzen heimlich aus dem Harz abtransportiert. Durch feiernde, alkoholisierte Soldaten hindurch seien sie in die britische Besatzungszone gebracht und dem Lager Friedland überstellt worden. Anschließend lebte die Familie zeitweise in einem Kloster.
Enteignung und Armut: „30.000 Hektar verloren – ein Leben zerstört“
Die Familie verlor rund 30.000 Hektar Land sowie mehrere Schlösser. Der Vater starb 1947 in sowjetischer Haft; sein Leichnam wurde anonym in einem Massengrab beigesetzt. Später sei Erde aus diesem Grab nach Ballenstedt überführt worden, wo heute ein symbolisches Grabmal existiert.
Stigmatisierung in der Schule: „Als Kind eines ‚vaterlandsverräterischen Aristokraten‘“
Trotz der nachweislich antinazistischen Haltung seiner Familie erlebte Eduard von Anhalt in der Nachkriegszeit Ausgrenzung und Gewalt. Lehrer hätten ihn misshandelt und öffentlich diffamiert.
Ausbildung im Ausland: Spanien und USA
Von Anhalt setzte seine Ausbildung im Ausland fort, besuchte eine Handelsschule in Spanien, lebte zeitweise in Kommunen in Málaga und Torremolinos und studierte später Public Relations in den USA. In Hollywood knüpfte er Kontakte zu deutsch-jüdischen Emigranten und baute ein internationales Netzwerk auf.
Rückkehr nach Deutschland und Medienpräsenz
Nach seiner Rückkehr stellte er fest, dass Adelstitel zunehmend kommerzialisiert wurden. Als Reaktion suchte er die Öffentlichkeit und moderierte unter anderem die RTL-Sendung „Adel verpflichtet“.
„Ich stand als realer Zeitzeuge vor der Kamera – nicht als gekaufte Legende“, betont er.
Konflikt mit der Politik: „Helmut Kohl war das größte Hindernis“
In den Rückerstattungsverfahren nach der Wiedervereinigung sieht von Anhalt den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl als zentrale Blockadefigur. Ostdeutsche Liegenschaften seien systematisch westlichen Investoren übertragen worden. Auch der heute zum UNESCO-Welterbe gehörende Wörlitzer Park sei seiner Familie entzogen worden; Kohl werde dort bis heute als Ehrenpräsident geführt.
Gespräch mit Moskau: „Gorbatschow bestätigte unsere Position“
Um gegenteilige Darstellungen zu überprüfen, reiste von Anhalt nach Moskau und sprach persönlich mit Michail Gorbatschow. Dieser habe bestätigt, dass es von sowjetischer Seite nie eine Bedingung zur endgültigen Enteignung gegeben habe.
Migration, Recht und Identität
Zur aktuellen Migrationsdebatte äußert sich der Prinz differenziert. Integration sei eine beiderseitige Verpflichtung. Zugleich äußert er Verständnis dafür, dass Migranten eigene Lösungswege suchten, da das deutsche Rechtssystem häufig langsam und ineffektiv arbeite.
Historische Verantwortung: „Auch wir hätten Könige sein können“
Abschließend unterstreicht Eduard von Anhalt die Verantwortung des Adels als Teil der deutschen Geschichte. „Unsere Aufgabe ist es, Erinnerung wachzuhalten und historische Brüche offen zu benennen.“
Interview: Egemen Cantürk / Mustafa Ekşi