„Von Bismarck: Deutsch-türkische Beziehungen neu aufbauen“

Der Historiker und Autor Alexander von Bismarck bewertet im Interview mit Journalist Mustafa Ekşi die historischen Grundlagen und aktuellen Herausforderungen der deutsch-türkischen Beziehungen.

Historische Tiefe seit dem Berliner Kongress

Berlin. Der Historiker Alexander von Bismarck erklärte, dass die deutsch-türkischen Beziehungen auf einer jahrzehntelangen historischen Grundlage beruhen. Mit Verweis auf den Berliner Kongress von 1878 erinnerte er an die diplomatische Rolle Otto von Bismarcks zugunsten des Osmanischen Reiches. Diese Phase habe den Grundstein für gegenseitigen Respekt und politische Zusammenarbeit gelegt.

Von Bismarck betonte, dass sich aus dieser frühen diplomatischen Nähe auch wirtschaftliche Beziehungen entwickelt hätten. Handel und politischer Austausch seien von Beginn an tragende Säulen der Partnerschaft gewesen.

Türkische Kaufmannskultur und kultureller Austausch

Der Historiker hob hervor, dass die türkische Gesellschaft über ausgeprägte wirtschaftliche Kompetenzen verfüge. Die Handelsmentalität der Türken könne auch für Deutschland ein Lernfeld darstellen. Kultureller Austausch habe in der Vergangenheit stets zu stabileren Beziehungen beigetragen.

Türkische Migranten und gesellschaftliche Wahrnehmung

Mit Blick auf die Gegenwart würdigte von Bismarck die Leistungen türkischer Migranten in Deutschland. Die als Gastarbeiter angeworbenen Menschen hätten maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufbau beigetragen. Gleichzeitig kritisierte er, dass Türken heute häufig mit Islamfeindlichkeit und Ausgrenzung konfrontiert seien. Diese Entwicklung schade dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und den historisch gewachsenen Beziehungen.

Auch die türkische Gastfreundschaft bezeichnete er als prägendes kulturelles Merkmal, das zur Verständigung zwischen beiden Gesellschaften beigetragen habe.

EU-Perspektive der Türkei

Zur Europäischen Union äußerte von Bismarck deutliche Kritik an bestehenden Doppelstandards. Die Türkei sei als NATO-Mitglied ein zentraler strategischer Partner Europas. Dennoch werde sie im EU-Beitrittsprozess restriktiver behandelt als andere Staaten. Eine realistische Bewertung der politischen und kulturellen Zugehörigkeit der Türkei zu Europa sei notwendig.

Kritik an der deutschen Migrationspolitik

Von Bismarck verwies zudem auf strukturelle Defizite der deutschen Migrationspolitik. Während frühere Arbeitsmigration gezielt gesteuert worden sei, fehle heute ein klares Gesamtkonzept. Dies führe zu gesellschaftlichen Spannungen und politischen Fehlentwicklungen.

Diplomatie, Ukraine-Krieg und Symbolpolitik

Die Rolle der Türkei im Ukraine-Russland-Krieg bewertete von Bismarck positiv. Istanbul habe sich als wichtiger diplomatischer Vermittlungsort etabliert. Kritisch äußerte er sich hingegen zu symbolischen Gesten in der Außenpolitik, die missverstanden werden könnten und bestehende Sensibilitäten nicht ausreichend berücksichtigten.

Appell zum Neuanfang

Zum Abschluss sprach sich von Bismarck für eine strategische und respektbasierte Neuausrichtung der deutsch-türkischen Beziehungen aus. Die gemeinsame Geschichte zeige, dass beide Länder von einer konstruktiven Partnerschaft profitieren könnten.

Haber: Mustafa Ekşi – Medya.Berlin (Röportaj)

Egemen Cantürk – Röportaj

Bedii Selvi – Videojournalist